
Nahe der Ortschaft Vogelsang/Uckermark befand sich neben Wünsdorf und Jüterbog eine der größten und zugleich wichtigsten Garnisonen der GSSD. Der Divisionsstandort Garnison Vogelsang.
Ich möchte versuchen die Strukturen dieses Divisionsstandortes zu erläutern und auszuwerten. Da die Auswertung von Unterlagen oft neue Erkenntnisse bringt, wird dieser Artikel regelmäßig ergänzt, verdichtet oder neu geordnet. Wenn ich von der gesamten Garnison schreibe, meine ich das gesamte in Anspruch genommene Gelände nördlich ausdehnend ab der Ortschaft Vogelsang, bis zur Havel. Das sich dann angrenzende Gelände ab der Havel wurde als Standorttruppenübungsplatz (TÜP) genutzt und soll hier vorerst nicht behandelt werden. Auf Sowjetischen Karten wird die Garnison mit dem Namen: "ЖАФЕЛЬ" geführt.
Ich möchte auf das Projekt "Lenin in Vogelsang" aufmerksam machen, welches sich mit der Geschichte und den Hintergründen der Garnison Vogelsang beschäftigen wird.
http://lenin-in-vogelsang.org/author/projektvogelsang/
http://www.geschichtswerkstatt-europa.org/projekt-details/items/Vogelsang.html
In der gesamten Garnison Vogelsang gab es mehrere Militärstädtchen. Zwei davon waren:
Nr. 12: PD, PR, MSR, MSB, NA, TLA, chem. Abwehr, Militärabwehr, Pioniere
Nr. 13: BRTB/RA der Division
Nach einer erneuten intensiven Auswertung der mir leihweise vorliegenden Unterlagen, bestand der gesamte Bereich des "Militärstädtchen Nr.12" aus ca. 300 Gebäuden. Von denen 137 Gebäude bis jetzt in Ihrer Funktion bestimmt sind. In der Aufzählung und in der Auswertung sind nun nicht nur die Gebäude des PR/PD enthalten, sondern auch die Gebäude der TLA, NA, chem. Abwehr, Pioniere u.a. TT enthalten.
Bereits im Jahre 1952 wird damit begonnen das "Militärstädtchen Nr. 12" der Garnison Vogelsang (Фогельзанг) als Neubaustandort (und von der DDR bezahlt) zu errichten. Das "Militärstädtchen Nr. 12" bestand anfangs nur aus rund 6 - 8 Gebäuden. Ab dem Jahre 1953 wird damit begonnen die Garnison erheblich zu erweitern und die Infrastruktur auszubauen. In den Jahren 1953-1956 wurden ca. 115 der 175 Gebäude errichtet. Somit kann dieser Zeitraum als Hauptbauzeit der Garnison angesehen werden. Wie diese Baumaßnahmen im Einzelnen zuwerten sind, bleibt offen. Bekannt ist, dass viele Erweiterungen und Umbauten an Gebäuden auch im Zuge von Umstrukturierungen und Verlegungen von TT oder Kampfverbänden vorgenommen wurden (Nutzerwechsel, siehe "Militärstädtchen Nr. 13"). Am Ende der 1960ziger, Anfang der 1970ziger Jahre wurde vermutlich der Bereich rund um die Lagerbunker im Militärstädtchen Nr. 13 baulich erweitert, um dem neuen Nutzer (BRTB der Division) die erforderliche Räumlichkeit Zugewährleisten. Für die Projektierung und Errichtung einiger Gebäude in der Garnison Vogelsang war die Dienststelle "Sonderbaubüro Fürstenberg" (später "Spezialbau") verantwortlich. Die Spezialbaubüros projektierten und errichteten die meisten Gebäude in militärischen Liegenschaften des MfS und der GSSD. Einige Gebäude wurden hier in der Garnison aber auch durch die GSSD selbst errichtet. In nicht wenigen Fällen mussten die Mitarbeiter des "Spezialbau Fürstenberg" diese Bauten beenden bzw. deren Innenausbau fertig stellen.
Zuletzt betrug die Fläche der gesamten Garnison ca. 14 km². Die baulichen Merkmale der gesamten Garnison lassen erkennen, dass hier von Anfang Wert auf "Selbstständigkeit" gelegt wurde. Diese wurde ständig erweitert und ausgebaut. Die Jahreszahlen an einigen Häusern zeigen die Baufertigstellung, sind aber kein Indiz für Eigenleistung.
Es befinden/befanden sich auf dem gesamten Gelände: Kino/Klub (wobei jeder TT seinen eigenen Klub hatte), Sporthalle, Saunen, Schule, Bäckerei, Wäscherei, Büro der Militärabwehr, Lehreinrichtungen, Rep.-und Wartungswerkstätten, Sportplätze, Heizwerke, Klärwerk, Wasserwerk, Krankenhaus, Unterkünfte und die Stäbe der TT, Regimenter und der Division.
Um den enormen Bedarf der Garnison sicher zustellen, führte vom Bahnhof Vogelsang ein Anschlussgleis zu einem Lagerzentrum mit Kühlhaus, Lagerhäusern, Kopframpe und Tanklager. Der Bahnhof Vogelsang diente aber auch als Rangierbahnhof. Dort wurden beispielsweise die Kesselwaggons für das Tanklager Kurtschlag (FP Dölln) rangiert und auf einem extra Gleis in diese Richtung gefahren.
Durchschnittlich lebten ca. 12.000 Menschen in der gesamten Garnison Vogelsang, welche damit nach Wünsdorf und Jüterbog die zweitgrößte darstellte. Zur Verdeutlichung der Ausmaße und zur besseren Orientierung, wurde mir freundlicherweise von Hr. Rentsch eine Kopie vom Originalplan "Militärstädtchen Nr. 12" und "Nr. 13" zur Verfügung gestellt.
Bis zum Abzug 1992 waren hier folgende Einheiten disloziert (Liste unvollständig):
в/ч 61000 Stab 25. Panzerdivision/ТД (Rot-Banner-Division/Краснознаменная Новоград-Волынская дивизия, Rufname/позывной: Биточек)
в/ч 47448 162. Panzerregiment/ТП (Вапнярско-Берлинский), ab Juni 1989
в/ч 55543 665. sst. Raketenabteilung der Div./ПРТБ
в/ч 34938 459. sst. Nachrichtenbatallion der 25. PD (Rufname/позывной: Пешка)
в/ч 25497 sst. Btl. chemische Abwehr
6. sst. NBr. RWK/6. оБрС (РГH) Франкфурт н. Одере
в/ч 45487 897. sst. NB der 132. NBr.
1782. sst. NB der 132. sst. NBr.
в/ч 47389 sst. Medizinisches Btl.
в/ч 58763 447. Fla-Ra der Div./ПВО (противовоздушная оборона)
в/ч 47448 803. Mot. Schützenregiment/МСП (мотострелковый полк)
в/ч 34844 Pionierbtl. der 25. PD/ (саперный батальон)
в/ч 34810 53. sst. Aufklärungsbtl./53-го РДC орб 25-й тд
в/ч 11818 Tanklager/ (Склад ГСМ)
в/ч 55455 MSB
158. sst. FlaRa.
Auf dem Gelände befand sich auch die Stütznachrichtenzentrale (StNZ/ОУС=Oпoрный узел связи 721 (Rufname: Разбитной), die organisatorisch und Anbindungstechnisch mit der Dislozierung der 25. PD nichts zu tun hatte. Die Panzerdivision hatte Ihre eigene Nachrichtenverbindungen (459 sst.). Bauzeit: 1971-1975. Bauträger: 56. Spezialbaubrigade der Front. Diese Nachrichtenzentrale stützte das Kabelgestützte Grundnetz der GSSD. Die StNZ war zu Beginn (1975-1983) unter der Verwaltung eines Truppenteils der 6. sst. NBr. RWK Frankfurt/Oder. Als die Frage der Zuständigkeit später neu geklärt werden musste (die 6. sst. NBr war eine Brigade in Reserve der Streitkräfte der UdSSR, nicht der Gruppe) wurde dieser Truppenteil der 6. sst. NBr aus der 6. sst. NBr. herausgenommen und der 132. NBr. Treuenbrietzen unterstellt. Aus dem ausgegliederten Truppenteil der 6. sst. NBr wurde das 897. sst. NB der 132. NBr. gebildet. Von 1982-1990 war das 897. sst. NB für diesen stationären NA-Knoten zuständig. Nach Abzug (ca. 1990) des 897. sst. NB aus Vogelsang, übertrug man die Zuständigkeit der StNZ bis zum endgültigen Abschalten 1994, dem 1782. NB der 132. NBr. (Lynow). Dies kann allerdings nicht nur als Notlösung gesehen werden, da zum einen die StNZ bis zum völligem Abzug der WGS nicht ohne Besatzung hätten sein dürfen/können und zum anderen das 1782. NB auch für die Führung der Nachrichtenzentrale in Ahlbeck (Seekabel) zuständig war.
Ab April 1959 wurde für kurze Zeit (bis Sept. selben Jahres) im südwestl. Teil (Militärstädtchen Nr. 13) der Garnison Vogelsang eine RA der 72. Ing. Brigade mit dem System R-5M (SS-3/8A62 [Shyster]) stationiert. Die genauen Bezeichnungen der Raketenabteilung und der BRTB (Feldmontageeinheit) sind mir bekannt.
Die entsprechende Merkmale der Stationierung befinden sich innerhalb des Militärstädtchen Nr. 13 (2 Lagerbunker, Fahrzeughallen, etc.), auf dem TÜP und in den angrenzenden Wäldern (Feldstellungen). 1 Feldstellung für das System R-5M habe ich gefunden. Weitere soll es geben. Vorgesehen war auch ab 1960 die Stationierung der Mittelstreckenrakete R-12 (SS-4[Sandal]), eine Weiterentwicklung des Systems R-5M. Diese Stationierung wurde jedoch nie vollendet, da die weiterentwickelte R-14 u.a. durch höhere Reichweite eine Stationierung der R-12 auf dem westl. KSP überflüssig machte. Die Feldstellungen hierfür wurden jedoch zum Teil erbaut. Auch diese findet man in den angrenzenden Wäldern.
Zum Verständnis ein paar Bilder der vorbereiteten Feldstellungen für die R-12 (SS-4). Von diesen gab es in unmittelbarer Umgebung der Garnison 4 Stück. Jede dieser Feldstellungen hatte 12 Fahrzeuge und etwa 20 Personen aufzunehmen, welche für die Vorbereitung, Aufstellung und Abschuss nötig gewesen wären. Des Weiteren gab es in etwa 100-110 m Entfernung einen Beobachtungsbunker für den Batteriechef. Weitere vorbereitete Feldstellungen für die R-12 (SS-4) gab es bei Lychen. Nahtlos angefügt, Bilder der Garnison Vogelsang, auch "kleine Schorfheide" genannt.
Die Betrachtung der Lagerung der R-5M (SS-3):
Der im unteren Teil des Geländes gelegen Liegenschaftsteil (Militärstädtchen Nr. 13, ugs. Raketenlager) wurde nach Rückführung der Systeme R-5M zum größten Teil durch die sst. Raketenabteilung (BRTB) der Division nachgenutzt. Auf dem Gelände gab es 2 Lagerbunker. Auch diese Lagerbunker wurden nach Abzug der RA der 72. Ing. Brigade durch die BRTB der Div. weitergenutzt. In welcher Form und zu welchem Zweck ist endgültig noch nicht geklärt. Es ist anzunehmen dass die Lagerbunker ihrer Zweckbestimmung folgend genutzt wurden.
Zum Aufbau: (Wann und um welche Komponenten die Lagerbunker erweitert wurden ist noch nicht endgültig geklärt. Sicher ist nur das durch die Nachnutzung nach 1959 dieser Lagerbereich mit Bestimmtheit erweitert wurde)
Einer von beiden Lagerbunker hatte eine LKW Rampe mit gedeckter Lagerzuführung (diese kann auf keinen Fall zum Zeitpunkt der R-5M Stationierung dort vorhanden gewesen sein). Beide Lagerbunker verfügten über 2 Portalkrananlagen mit je 2 Laufkatzen, separat an den jeweiligen Kopfenden (wahrscheinlich auch erst nach 1959 errichtet). Wobei die vorderen Zugänge mit Anbauten versehen waren bzw. diese Zugänge durch die Anbauten gedeckt waren. Die gegenüberliegenden Zugänge waren durch große Lagertore verschlossen und durch Tarnnetze gedeckt. Die hinteren Tore konnten nur von Innen geöffnet werden. Der gesamte Lagerbereich und die Torbereiche waren durch eine umlaufende Mauer von außen nicht einsehbar. Diese Mauer trennte auch den Lagerbereich von dem restlichen Objektgelände. Der Zugang wurde hier nur sehr wenigen gewährt. Geschützt wurde dieser Lagerbereich durch eine Vielzahl von Objektverteidigungsanlagen/Rundumverteidigungen und Beobachtungstürmen.
Der Innenbereich (Lagerbunker 1) ist zweigeteilt. Im vorderen Teil ein Lagerbereich der jeweils 2 Trägermittel auf Transporthängern aufnehmen konnte. Im hinteren Teil der Technik- und Verwaltungsbereich, welcher durch eine Trennwand mit Flügeltor geteilt war. Wie und wo die Montage oder die Lagerung der GK erfolgte ist auch nicht abschließend geklärt, da ich zum Lagerregime der R-5M keine belastbaren Aussagen habe. War Lüftgüte und/oder konstante Raumtemperatur auch bei dem System R-5M ein Thema? Denn diese Normen konnten die beiden Lagerbunker nicht gewährleisten.
Zum Stationierungsgrund sei angemerkt das diese im wesentlichen nicht dem Drohgebärdeverhalten des Hr. Chruschtschow zu zuscheiben ist. Es gab für die schnelle Verlegung der Systeme einen anderen, wirklich zwingenden Grund. Wobei die Planung der Verlegung garnicht so schnell und überstürzt geführt und organisiert wurde wie es den Anschein hatte.
3D Modelle des 2. Lagerbunkers hier
Sollte noch jemand Aufnahmen/Fotos der Lagerbunker aus früheren Jahren haben, so würde ich mich freuen, die hier mit einzuordnen.
(Quellen Textinhalt: P. Rentsch, u.a. ) (Bildquellen: Bild 1&2 Lagerbunker: P. Rentsch, T. Fröhlich, B. Kielblock)
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