Heimatgalerie - SWL Lychen в/ч пп 73259 - Aufgabe der Basis

Heimatgalerie

Dokumentationen zur Zeitgeschichte - damit die Wahrheit erhalten bleibt
Home GSSD/WGS Land SWL Lychen в/ч пп 73259 - Aufgabe der Basis

SWL Lychen в/ч пп 73259 - Aufgabe der Basis

Das Gelände (der eingefriedete Bereich) im Forst zwischen Lychen und Himmelfort umfasste ca. 300.000 m², davon „Technik-Zone“ ca. 75.000 m². Durch drei Zugangskontrollen gelangte man in den eigentlichen inneren Sicherheitsbereich, der von auffällig vielen Objektsicherungsposten umgeben war. Man schreibt diese hohe Anzahl der Objektsicherungen den letzten politisch unruhigen Jahren nach 1989 in der DDR zu, als aus Moskau die Weisung kam, die Gefechtskopflager in puncto Objektsicherung massiv auszubauen, um ein Eindringen Unbefugter zu verhindern. Auch zusätzliche Sicherungskräfte (MSB) im Spannungsfall zum Schutz dieser Anlagen anzufordern, war durchaus üblich und wurde einma im Jahr geübt. Nach außen hin wiederum auffällig die typische russische Einfachheit der Objektsicherung und die fehlende HSA (Hochspannungssicherungsanlage).

Das Objekt bei Lychen ("4001" - в/ч пп 73259) war für die Versorgung der Truppen der Küstenfront und der darin eingebundenen NVA Truppen bestimmt. Damit waren die taktischen und operativ-taktischen Raketeneinheiten dieser Front die ersten in der Bedarfskette. Das Lager Linda ("4000") hatte die handelnden Einheiten der Raketentruppen der Streitkräfte der UdSSR, die Raketeneinheiten der Armeen der 1. Westfront und die taktischen und operativ-taktischen Raketeneinheiten der Mob-Verbände zu versorgen. Nur etwa ein Viertel der vorgehaltenen Lagermenge war für die operativ-taktischen Raketenbrigaden der in der 1. Westfront handelnden 3. Armee (MB III) bestimmt. Somit ist auch hier die Wertigkeit der Nutzer und "Empfänger" eindeutig.
Zu Tarnungszwecken wurden die Lager während ihrer kompletten Nutzungsphase als "RTB" (reparaturtechnische Basis/РТБ/ремоннтно-технйческая база) bezeichnet. Sie waren sst. (отдельного/selbstständig) und autark. Die Aufgabe der darin handelnden BRTB war die zeitnahe Versorgung der handelnden Verbände (der RT) im Interesse ihrer Feldvereinigungen. Durch diese beiden Frontbasen wären die Handlungen der Raketeneinheiten für den 1. Kernwaffenschlag der Front, Gefechtssicherstellung der GK, gesichert gewesen.
Der letzte Kommandeur der Frontbasis "4001" bestätigt diese Aufgaben wie folgt:

Zitat:
"Das Lagergut hat in Anzahl und Typ, zum vereinbarten Termin, a(n)m vereinbarten Ort(en) den übernehmenden Einheiten zur Verfügung zu stehen, damit diese auf Basis unserer Vorarbeit ihren Handlungsrahmen erfüllen können. Jegliche
Verzögerung der befohlenen Abläufe durch unser Verschulden ist inakzeptabel."


Der Personalbestand der RTB war in der Lage, mit eigenen Kräften alle notwendigen Handlungsabläufe und Arbeiten des Transportes, der Sicherung und der Übergabe sicherzustellen. Im Bedarfsfall wären die RTB technisch und personell in der Lage gewesen, alle genormten GK, also auch konventionelle, für die in der Struktur befindlichen Träger zu transportieren, auszuliefern und zu übergeben. Darauf war der gesamte technologische Prozess ausgelegt. Die oft erwähnte "Hauptaufgabe" der RTB, "Lagerung und Ausgabe der nuklearen GK", ist laut Zeitzeugen zu einseitig und somit falsch. Die im Technikbereich des Lagers stationierte BRTB (Bewegliche Raketentechnische Basis) war von den Lagereinheiten streng getrennt und hatte nicht wie in anderen Einheiten übliche Aufgaben (Transport von Trägern, Wartungs- und Kontrollaufgaben). Zu den Handlungen der BRTB der RTB zählte aber auch die Rückholung von nicht verwendeten GK, deren Inspektion und Wiedereingliederung in den Lagerprozess. Dieser Prozess der Wiederaufnahme war an ein ganz bestimmtes Lagerprocedere der Wiedereingliederung gebunden. Einfach wieder "reinlegen" ging nicht.

Die beiden Lagerbunker (je 39,7 x 40,5 m) waren in einer T-Form aufgestellt, damit sollte erreicht werden, dass wenigstens einer der beiden Lagerbunker nach einer abgelaufenen Druckwelle nutzbar und bedienbar bleibt. Über angrenzende Laderampen für LKW wurde das Lagergut in den Bunker verbracht bzw. ausgelagert. Belegt waren diese Lagerbunker permanent, auch während der Wartungsintervalle, wenn das Lagergut "gewälzt" wurde. Laderampen, Ladewege, Tambour und Empore mit Krananlage waren pro Lagerbunker kopfseitig gegenüberliegend dupliert. Die Strecke Laderampe-Zugang zum Bauwerk war komplett überdacht und somit gegen Luftaufklärung getarnt. Zahlreiche Rundumverteidigungen, die zum Teil erst nach 1989 entstanden sind, runden das Bild ab. Den Lagerbunker selbst verschlossen 2 sich gegenüberliegende ca. 45 cm starke 2,00 x 2,00 m Drucktore. Diese konnten nur per Hand mechanisch geöffnet und geschlossen werden. In Havariefällen waren zum Öffnen und Schließen Umlenkrollen installiert. Es bestand lediglich zum Eigenschutz eine Notver- und Entriegelung des Schließmechanismus der Drucktore. Dahinter ein Tambour (5,70 x 6,00 m) mit einem weiteren baugleichen Drucktor und weiteren notwendigen Filtern zur Reinigung der Außenluft. Es folgt eine Empore, auf der mit Hilfe einer Krananlage (Tragkraft: 3 t) das Lagergut in die ca. 3 m tiefer liegende Halle mit den anliegenden 4 Lagerkavernen abgelassen wurde. In der Halle erfolgte dann das Auslagern/Prüfen/Einlagern des Lagergutes und das anschließende Einbringen in eines der Lagerkavernen. Prüf -und Versorgungsinstrumente waren doppelt für jede Torseite ausgelegt. Der Prüf- und Empfangsbereich in der unteren Ebene vor den Lagerkavernen war streng zweigeteilt in Richtung der Lagertore. Auch in den Lagerkavernen waren Prüf- und Handlungsanschlüsse (Füllstutzen für Helium) für die Lagercontainer vorhanden.
Die Lagerkavernen hatten die Ausmaße von 21 x 5,70 x 2,40 m (LxBxH). Obwohl solche Zahlenspielereien nicht bedeutend sind, da die reale Lage erst festlegte wer, wann und wo mit welchen Mitteln versorgt werden sollte, möchte ich dennoch die möglichen Lagerkapazitäten erwähnen. Projektiert war das Lager mit den Kavernen für 72 Gefechtsköpfe pro Lager. Alle Zahlen die in der Summe der beiden Lager darüberhinaus gehen, sind somit schlicht falsch. Pro Lagerkaverne konnten anhand der Bodenösen (die zur Befestigung des Lagergutes dienten) jeweils links- und rechtsseitig ca. 16-24 Gefechtsköpfe gelagert werden. Rein rechnerisch wäre die Lagerkapazität in Lychen max. ca. 192 Gefechtsköpfe. Man kann davon ausgehen, dass unterschiedliche GK auch unterschiedlich viel Lagerplatz beanspruchen, was eine andere Anzahl von Befestigungspunkten verlangte. Rein rechnerisch, wohlgemerkt. Denn die Lagerbunker variierten in den Ländern des Warschauer Vertrages. So hat das Lager in Ungarn eine höhere Lagerkapazität (durch mehr Lagerfläche) und ein Lagerbunker in der ehem. CSSR weniger Lagerkapazität durch kürzere Lagerkammern. Ein Hinweis darauf könnte die Anzahl der jeweiligen Lager in diesen Staaten sein.

Gegenüber den Lagerkavernen befanden sich 29 Räume für die technischen Einbauten, wie NEA (Netzersatzanlage), Akku Ladestation, Raum für Treibstoff, Pressluftbehälter-Kompressorstation, Ventilations-Laboratorium, Pumpenraum, Filter,  Ventilation, (eine konstante Raumtemperatur von etwa +5° bis +15° C und eine Luftfeuchtigkeit von etwa 40-70% waren Grundvoraussetzung für die Lagerung), Wasserversorgung, Zugangskontrollräume, Personalräume, Kabeleinführung NA und der Personenzugang. Unter den Emporen jeweils Dienstraum und technologische Räume verschiedenster Zweckbestimmungen, u.a. Dienstanweisungen für Lagergut.
Deckenstärke: 600-900 mm, Bodenplatte: 900 mm, Wandstärke an den Torseiten: 1000 mm, Wandstärken sonst: 300-600 mm, Erdüberdeckung an den Kopfseiten: 1000 mm, Raumhöhe im Arbeits- und Wartungsbereich: 5700 mm. Das Bauwerk verfügt über keine Zerschellschicht. Für eine kurze Zeit war es möglich die Lagerbunker zu hermetisieren.

Die Übergabe des Objekts und der Abzug der GK wurde noch zu DDR-Zeiten angekündigt und vermutlich Anfang 1990 beschlossen. Als im August 1990 NVA-Offizieren der Zugang zu dem Lager gestattet wurde, waren die Lager schon absolut leer. Hier zeigte sich wahrscheinlich schon das doch vorhandene Misstrauen gegenüber dem ehemaligen Bündnispartner.
Ab dem Übergabetag durch die sowjetische Seite (21. September 1990 [1]) verzögerte sich die Rückgabe des Objekts trotz Mahnung (30.09.1990) des Oberkommandierenden der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte bis zum 12.10.1990, bevor sich das Deutsche Verbindungskommando zu den sowjetischen Streitkräften in Deutschland (DtVkdosowjSK) personell und organisatorisch in der Lage war sich der Übergabe anzunehmen. War man von der schnellen Gründlichkeit überrascht worden?
Die endgültige besenreine Übernahme des Objektes "4001" - Lychen II erfolgte durch Mitarbeiter des Bundesvermögensamt am 13. Dezember 1990. [1] Ein spezielles Rückbaukommando beseitigte vor der Übergabe der Bauwerke an die deutsche Seite alle „Spuren“, die auf Art, Umfang und Zweck der Lagerung Rückschlüsse zuließen. In puncto "Rückbau" war die sowjetische Seite sehr gründlich. Selbst an den Wänden geschriebene Handlungsabläufe wurden überpinselt. Besenreine Übergabe bekam hier eine völlig neue Bedeutung. Der letzte "Hausherr" war sich sehr wohl bewusst, "WER" nach dem Ende der DDR für "Kontrollen / Besichtigungen" am Tor stehen würde. Das diese Vermutung nicht unbegründet war, sollte die nahe Zukunft bereits zeigen. Nach der 1. Besichtigung durch Mitglieder des DtVKdoSowjSK am 28. Juni 1991 wurde nicht nur übereinstimmend die Meinung geteilt, dass weitere Begehungen notwendig sind um Zweck, Handlung, Absicherung und Nachrichtentechnische Anbindung dieser Lagerobjekte zu protokollieren, sondern es wurde auch daraufhin gewiesen, dass für den 02. August 1991 eine Besichtigung durch eine deutsch-amerikanische Expertengruppe vorgesehen ist.

So leise und heimlich wie die "Sonderwaffen" kamen, gingen sie auch. Welchen Weg sie dabei nahmen, ist abschließend nicht ganz geklärt. Entweder auf dem kompletten Schienenweg durch Polen, über Mukran und / oder über Lufttransporte via Dölln, Sperenberg und / oder andere Flugplätze.

Aussagen, wonach die Gefechtsköpfe der OTR-12 (Wokuhl, Warenshof) Mitte der 80er Jahre im Zusammenhang mit dem "Sicherungskomplex-Antwort" hier gelagert wurden, sind mit der simplen Begründung der INF Inspektionen zu verneinen. Die sowjetische Seite hätte sich nie in diese Läger schauen lassen.

Über die Schutzklasse lässt sich sagen, dass diese Bauwerke biologischen und nuklearen Einsatzmitteln nichts entgegenzusetzen hatten. Daraus resultiert zur Projektierungszeit eine mittlere Schutzklasse dieser Bauwerke.

Die Basis hatte mit ihren Lagergütern und deren verheerenden Einsatzfolgen bei Anwendung im Rahmen eines möglichen Nuklearkrieges in Europa, einen Abschreckungsszenario gedient, dem sich beide handelnden Seiten, West wie Ost unterwarfen und das zur längsten Friedenperiode in Europa führte. Insofern ist dieser Ort ein geschichtsträchtiger Ort, der dem Leser und Besucher, Denkanstöße geben sollte.

Zu diesem riesigen Themenkomplex sei hier ein wirklich sehr gutes Buch (An vorderster Front - Ausgesuchte Aspekte zu Forschungsergebnissen zum 4. und 5. Gefechtskopflager der sowjetischen Streitkräfte auf dem Territorium der DDR) zu erwähnen, das viel Licht ins Dunkle bringt und mit vielen Falschmeldungen, gefühltem Wissen und oft verbreitetem "Schwachsinn" aufräumt.
Des Weiteren möchte ich in diesem Zusammenhang auf das Heft N° 25 von Sundwerbung aufmerksam machen. Hier hat der Autor Hr. Eckart viele interessante Details zu diesem Lager der Frontbasierung zusammengetragen. Seit Anfang 2015 ist die erweiterte Neuauflage unter dem Namen "Tarnname Fichte" (Bezeichnung des NVA Rohbaus) erschienen. Darin gibt V. Eckart und U. Feldmann nun u. a. auch Einblicke in den Rückbau des Objektes.

Hinweis: Informationsstand: 30.04.2020

Quelle Text: P. Rentsch, "An vorderster Front" Teil 1, Archiv Heimatgalerie, [1] Protokolle, Arbeitspapiere, Briefverkehr DtVKdoSowjSK - BA Freiburg